Auslöschung. Ein Zerfall by Thomas Bernhard

By Thomas Bernhard

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Er hat sich nicht entwickelt. Es tut mir leid, sagte mein Onkel Georg, aber dein Vater ist ein besonders dummer Mensch. Und gerade einen solchen besonders dummen Menschen hat deine Mutter, die immer raffiniert war, gebraucht. So gesehen, waren deine Eltern immer ein ideales Paar, sagte er. Ich höre es noch ganz genau, wir saßen im Freien auf der Piazza del Popolo, der Onkel Georg war am 52 späten Nachmittag so gesprächig geworden wie noch nie, weil er, ganz gegen seine Gewohnheit, mehrere Gläser Weißwein schon am Nachmittag getrunken hatte.

Und deine Eltern haben aus dem Versagen meiner Eltern, also deiner Großeltern, nichts gelernt, im Gegenteil, sie hatten noch viel unglücklic here Methoden, mit dir umzugehen. Aber andererseits, sagte er, was wäre aus dir geworden, wenn sie sich nicht so verhalten hätten dir gegenüber, wie sie sich verhalten haben? Diese Frage mußte nicht beantwortet werden, sie beantwortete sich von selbst. Wenn ich dich sehe, sagte mein Onkel Georg, sehe ich im Grunde immer mich. Du hast genau die gleiche Entwicklung genommen.

Wie könnt ihr denn die ganze Zeit in diesem Halbdunkel existieren? fragte er. Ihr lebt ja in einem Museum! sagte er. Alles schaut aus, als wäre es jahrelang unbenutzt. Wozu habt ihr denn das herrliche Geschirr in den Kästen, wenn darauf nicht gegessen wird? Euer kostbares Silber? Ich bewunderte den Onkel Georg. Mit ihm konnte in keinem Fall eine wie immer geartete Langeweile aufkommen. Er saß nicht, wie die andern, starr und steif bei Tisch, er wandte sich alle Augenblicke an einen von uns, um ihn etwas zu fragen oder um ihm irgendeine Wahrheit 40 zu sagen oder irgendein Kompliment zu machen.

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